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Mit dem Latein am Ende

Leipziger Synagogalchor: Lidl fun goldenem Land

Latein und Hebräisch haben eine Gemeinsamkeit: Über viele Jahrhunderte hinweg war ihr Gebrauch auf wenige Bereiche des Lebens beschränkt, vor allem auf den sakralen Bereich (und teilweise noch den wissenschaftlichen). Als Alltagssprache fanden beide hingegen praktisch keine Verwendung. Das hat sich beim Latein bis heute nicht geändert (man ist also nicht nur im übertragenen Sinne mit seinem Latein oft schnell am Ende), beim Hebräischen hingegen schon.

Für die Wiederbelebung des letzteren als Alltagssprache sorgte ein Mann fast im Alleingang: Eliezer Jitzchak Perlman, bekannt geworden unter dem Pseudonym Eliezer Ben-Jehuda. 1858 im heutigen Weißrussland geboren, arbeitete er in verschiedenen Regionen der Welt als Journalist, wurde zum überzeugten Zionisten und erkannte, dass eine einheitliche Sprache den Gedanken des Zionismus, also der Förderung der Identität eines jüdischen Volkes, sehr viel Nutzen bringen würde. An diesem Ziel arbeitete er jahrzehntelang auf verschiedensten Ebenen bis zu seinem Tod am 16.12.1922. 1910 waren die ersten sechs Bände des von ihm erstellten ersten modernen Hebräisch-Wörterbuchs erschienen, die letzten der insgesamt 17 Bände wurden posthum von seiner Witwe und seinem Sohn Ehud bis 1959 herausgegeben. Das wichtigste Etappenziel erreichte Eliezer Ben-Jehuda aber noch kurz vor seinem Tod: Herbert Samuel, Hochkommissar des britischen Mandats für Palästina, erklärte Hebräisch zu einer der drei offiziellen Amtssprachen des Gebietes neben Arabisch und Englisch.

Auch für die jüdischen Musiker in aller Welt hatte die moderne Entwicklung und Pflege des Hebräischen eine markante Bedeutung, stand damit doch nun auch außerhalb des Sakralmusikbereichs eine einheitliche kulturelle Basis zur Verfügung, die ein problemloses Verstehen der transportierten Inhalte in vielen Teilen der Welt ermöglichte. Gerade in Zeiten der Diaspora und der Verfolgung, kulminierend im Nationalsozialismus, besaß diese Option eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Speziell diese Ära wird auch in der Ausstellung „Hakenkreuz und Notenschlüssel. Die Musikstadt Leipzig im Nationalsozialismus“ reflektiert, die vom 27.1. bis zum 20.8.2023 im Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig zu sehen sein wird und zu der eine gleichnamige Publikation im Verlag Klaus-Jürgen Kamprad in Vorbereitung ist. Wer sich schon vorher mit diesem Themenkomplex beschäftigen möchte, dem seien die Bücher „Jüdische Musiker in Leipzig 1855–1945“ von Thomas Schinköth und „Zwischen Ghetto und Selbstbehauptung. Musikalisches Leben der Juden in Sachsen 1933–1941“ von Franziska Specht ans Herz gelegt – und wer Musik aus diesem Kulturkreis in aktuellen Arrangements hören möchte, der greife zur CD „Lidl fun goldenem Land“ des Leipziger Synagogalchors, die das Sprachspektrum dann allerdings deutlich weiter fasst. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

 

Zur Ausstellung auf der Seite des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig

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