Verbessert, aber bezahlbar
Zu den drängendsten Problemen, die im 20. Jahrhundert in Deutschland zu lösen waren, zählte die Verbesserung der Wohnverhältnisse der Menschen. Zahlreiche Architekten und Stadtplaner waren damit befasst und erdachten unterschiedliche Lösungskonzepte. Auch Heinrich Tessenow widmete sich mehrfach derartigen Projekten. Geboren am 7.4.1876 in Rostock, ging der junge Architekt einerseits in den Lehrbetrieb, schuf andererseits aber auch Entwürfe für die Praxis und war etwa maßgeblich an den Bauten für die Gartenstadt in Hellerau bei Dresden beteiligt. Das von der Reformarchitektur grundsätzlich unterstützte Gartenstadtkonzept versuchte er auch auf andere Situationen zu übertragen, dachte zudem über die Vorteile der Typenbauweise nach, entwarf sachlich-schlichte Gebäude und behielt im Hinterkopf, dass seine Bauten für die entsprechende Zielgruppe auch bezahlbar bleiben mussten – keine einfache Aufgabe, da es ja gerade die sozial weniger gut gestellten Menschen waren, deren Wohnverhältnisse zu verbessern besonders drängend erschien. Nach dem Zweiten Weltkrieg trat eine weitere Aufgabe hinzu, nämlich die Wiederaufbauplanungen für zerstörte Areale in Mecklenburg-Vorpommern. Tessenow starb am 1.11.1950 in Berlin, und er hat nicht nur mit seinen praktischen Bauten Spuren hinterlassen, sondern auch in der Architekturtheorie: Noch heute werden seine Schriften zum Wohnungs- und Siedlungshausbau in der Architektenausbildung eingesetzt, und das auch über Deutschland hinaus.
In der südostthüringischen Stadt Pößneck konnte Tessenow in den Jahren 1920 bis 1925 gleich mehrere Siedlungsbauprojekte realisieren, deren Häuser und Strukturen größtenteils noch heute vorhanden sind und einen intensiven Eindruck von seinen Schaffensprinzipien vermitteln. Noch zu DDR-Zeiten wurden erste der dortigen Bauten unter Denkmalschutz gestellt. Carsten Liesenberg, Referent für städtebauliche Denkmalpflege im Thüringer Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie, hat sich intensiv mit den Pößnecker Bauten Tessenows und deren Vorgängerprojekten, besonders den Gartenstadtkonzepten in Hohensalza (heute Inowrocław, Woiwodschaft Kujawien-Pommern, Polen), befasst und seine Erkenntnisse in der Publikation „Die Tessenow-Siedlungen in Pößneck. Thüringer Beitrag zur Entwicklung des sozialen Wohnungsbaus“ zusammengefasst. Dieses reich bebilderte und mit einem Bautenkatalog ergänzte Buch ist in Zusammenarbeit mit der in Hamburg ansässigen Heinrich Tessenow Gesellschaft veröffentlicht worden, die sich um die Pflege des Schaffens Tessenows bemüht.
Zur Website des Thüringer Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie