Jonny spielte nicht mehr auf
Gustav Brecher, Jahrgang 1879 und ein äußerst fähiger Dirigent, bekleidete ab 1924 einen der wichtigsten Posten der deutschen Opernwelt: Er war Generalmusikdirektor am Neuen Theater Leipzig. Von der nationalsozialistischen Bewegung sowieso unter Generalverdacht gestellt, da Jude, machte er sich mit seinem Einsatz für strukturell neuartige Werke in diesen Kreisen nachhaltig unbeliebt, und schon 1927 sorgte die von ihm geleitete Uraufführung von Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ für einen Mix aus Jubel und unverhohlener Ablehnung, was sich in den Folgejahren etwa mit Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ noch verstärkte. 1933 fiel Brecher fast folgerichtig als einer der ersten Kulturschaffenden den neuen politischen Verhältnissen zum Opfer und sah nach mehreren Stationen der Flucht 1940 in Belgien keine andere Möglichkeit mehr als den Freitod.
Im Rahmen der Reihe der Gesprächskonzerte „Musica Reanimata“ werfen Albrecht Dümling und Jürgen Schebera, der an einer neuen Publikation über Gustav Brecher arbeitet, am 12.6. um 20 Uhr im Konzerthaus Berlin Schlaglichter auf das Leben und Schaffen dieses Künstlers, der auch selbst kompositorisch tätig war: Die Sopranistin Pia Davila und Linda Leine am Klavier bringen frühe Lieder aus Brechers Feder zu Gehör. Wer sich dem Dirigierschaffen Gustav Brechers hörend nähern möchte, hat auf Vol. 2 der Historischen Edition des Gewandhausorchesters die Gelegenheit dazu. Dort findet sich die früheste Aufnahme des Gewandhausorchesters überhaupt, nämlich die 1929 unter Brechers Leitung eingespielte Ouvertüre zu „Der Freischütz“, die damals in Deutschland aber nicht veröffentlicht wurde, sondern lediglich in Kleinauflagen in England und den USA erschien.
Zur Seite der Veranstaltung auf der Website des Konzerthauses Berlin