Jenseits der Neunten
„Die eine Neunte geschrieben haben, standen dem Jenseits zu nahe. Wer darüber hinaus will, muss fort“, orakelte Arnold Schönberg in seiner Gedenkrede auf Gustav Mahler. Ob Dmitri Schostakowitsch dieses Bonmot gekannt hat, muss offen bleiben – aber auch sein Leben hing nach seiner Neunten Sinfonie zum wiederholten Male am seidenen Faden: Stalin und der gesamte Sowjetapparat hatten 1945 eine große Siegessinfonie erwartet, und der Komponist hatte auch eine versprochen, mit Chor und großer Apotheose. Als die Neunte dann aber uraufgeführt wurde, war alles anders: knapper Umfang statt epischer Breite, beißende Ironie statt Siegesjubel, und einen Chor und eine große Apotheose gab es natürlich auch nicht. Den mittlerweile auch international arrivierten Komponisten einfach verschwinden zu lassen wagte der erzürnte Generalissimus nicht, aber aufs künstlerische Abstellgleis schieben konnte er ihn schon. Letztlich schaffte es Schostakowitsch aber, Stalin um 22 Jahre zu überleben und seinen neun Sinfonien noch sechs weitere hinzuzufügen, dazu noch zahllose weitere interessante (und ein paar weniger interessante) Werke anderer Genres. Freilich war seine Gesundheit nicht zuletzt durch die extremen Wechselläufe in seinem Leben arg ruiniert; er starb am 9.8.1975 im Alter von knapp 69 Jahren.
Die erste zyklische Aufführung aller seiner Sinfonien, die Kurt Masur mit dem Gewandhausorchester von 1976 bis 1978 spielte, konnte der Komponist also nicht mehr miterleben. 50 Jahre nach seinem Tod organisierte das Gewandhaus im Mai 2025 ein Schostakowitsch-Festival, wo abermals alle Sinfonien und dazu viele weitere Orchester- und Kammermusikwerke sowie Lieder zu hören waren. Die Nummer 126 des Gewandhaus-Magazins blickte auf das Festival voraus und enthält auch zahlreiche weitere Beiträge mit Wissenswertem über den wohl größten russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Wer einem selten zu hörenden Werk von ihm lauschen möchte, der kann zur CD „Te Deum“ greifen, auf der Eberhard Kraus an der mittlerweile nicht mehr existierenden Binder & Siemann-/Hirnschrodt-Orgel des Regensburger Doms die Passacaglia aus der Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ op. 29 spielt – auch einem Werk übrigens, das Stalin seinerzeit sehr erzürnte. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.