Floß im Wind

Hans Werner Henze, geboren am 1.7.1926 in Gütersloh, musste noch in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges die Wehrmachtsuniform anziehen – seine Erfahrungen aus dieser Zeit trugen maßgeblich dazu bei, dass er sich in seinem musikalischen Schaffen zeitlebens als politischer (und zwar linksorientierter) Künstler verstand und sich intensiv mit Fragen von Krieg und Ungerechtigkeit auseinandersetzte. Spätestens seit dem Skandal um die Uraufführung des Oratoriums „Das Floß der Medusa“ 1968 in Hamburg wusste auch die breite Öffentlichkeit davon. Dass noch heute seine Bühnenwerke eher im Fokus der Musikwelt stehen als etwa die reichhaltige Kammermusik oder die Sinfonien, von welchletzteren es immerhin zehn gibt (darunter eine Neunte für Chor und Orchester auf einen Text von Hans-Ulrich Treichel nach Motiven aus „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers), verwundert vor diesen Hintergründen nicht.

Zudem war Henze ein großer Bach-Verehrer, der nach jahrzehntelanger Skepsis sich in seiner letzten Schaffensperiode auch mehr und mehr religiösen Themenkreisen öffnete, aber durchaus originelle Zugangswege zu diesen schuf. Dass er einer der fünf zeitgenössischen Komponisten war, die eine der neuen Festmusiken für das 800-jährige Jubiläum des Thomanerchors beisteuern durften, ist daher in gewisser Weise ebenso logisch wie seine Wahl des zu behandelnden Kirchenfestes – „An den Wind“ beschäftigt sich mit dem theologisch komplexen Pfingstfest. Diese Festmusiken sind auch als Doppel-CD erschienen, und der bereits gesundheitlich gezeichnete Henze konnte die Uraufführung seines Werkes zu Pfingsten 2012 noch miterleben, ebenso wie die Neuproduktion seines Antikriegsstückes „Wir erreichen den Fluss“ im Herbst 2012 in Dresden. In dieser Stadt starb der Komponist am 27.10.2012.

 

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