Brückenbau mit Psalmen
Die 1920er Jahre waren in Deutschland eine Zeit der zunehmenden Polarisierung, auch im kulturellen Bereich, obwohl es an Versuchen des Brückenbauens nicht fehlte. Zu diesen zählte ein Konzert, das am 14.3.1926 in der Leipziger Gemeindesynagoge veranstaltet wurde und auch nichtjüdischen Musikfreunden die Gelegenheit geben sollte, Musik jüdischer Komponisten bzw. mit jüdischer Thematik in einem jüdischen Sakralraum zu erleben – ein Erlebnis, das, so hoffte man, zur gegenseitigen Verständigung beitragen könnte. Dass nicht wenige der aufgeführten Werke Psalmvertonungen waren, etwa Arnold Mendelssohns „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird“ über Psalm 126 oder „Tauv l'haudaus“ von Samuel Lampel über Psalm 92, stellte natürlich keinen Zufall dar, gehören die Psalmen doch zum Kanon der jüdischen wie der christlichen Religion und eignen sich zum angestrebten Brückenbau daher besonders.
Ludwig Böhme hat mit dem Leipziger Synagogalchor, dem Kammerchor Josquin des Préz, den Gesangssolisten Anja Pöche, Susanne Langner und Assaf Levitin, Henrik Hochschild an der Violine sowie Tilmann Löser und Ullrich Böhme an der Orgel das Programm dieses Konzertes rekonstruiert und für die CD „Klingende Toleranz“ eingespielt – allerdings zwangsweise in der Thomaskirche und nicht am originalen Ort: Die Gemeindesynagoge ist 1938 von Kräften, die von dieser Art Brückenbau nichts hielten und statt dessen Abgrenzung und Vernichtung propagierten, zerstört worden.